Interview zur menschengerechten Digitalisierung

Ergebnis einer Video-Svchalte zur GfA-Herbstkonferenz in Wien

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„Stellenwert menschlicher Arbeit im Zeitalter der digitalen Transformation“ — das war Thema der GfA-Herbstkonferenz Mitte September 2020 in Wien. Für Betriebspraxis & Arbeitsforschung, Fachzeitschrift des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, habe ich in einer Videokonferenz das Präsidium der GfA interviewt. Zentrale Fragestellung: „Wie gestalten man Digitalisierung menschengerecht?“ Teilnehmer waren die Professoren Klaus Bengler, TU München, Präsident der GfA, sowie seinen beiden Stellvertreter Oliver Sträter, Universität Kassel, und Martin Schmauder, TU Dresden. Zitate aus diesem Gespräch.

Die GfA fordert eine proaktive arbeitswissenschaftliche Gestaltung der Digitalisierung.

Dazu Professor Bengler:„Unter „proaktiv“ verstehen wir, dass zunächst die Aufgaben, die in der Digitalisierung für die Menschen anstehen, wieder systematisch betrachtet werden. Häufig wird Digitalisierung einfach so betrieben, dass neue Technologie in den Betrieb genommen wird — und erst dann wird die Arbeit nachjustiert. Die Corona-Pandemie hatte einen reaktiven Digitalisierungsschub zur Folge. Als GfA meinen wir, dass nun eine systemische Analyse der Arbeitsprozesse erforderlich ist.“ Bengler forderte in Zusammenhang mit der Einführung neuer digitaler Systeme eine „partizipative Gestaltung“. „Die Belegschaft muss an der Lösungsfindung beteiligt werden.“

Die Arbeitswissenschaftler forderten zudem, dass bei digitalen Endgeräten in der Arbeitswelt „gleiches“ auch immer „gleich funktionieren“ müsse. Dabei könne Normung helfen.

Professor Schmauder: „Wenn jeder Hersteller digitaler Geräte das Rad neu erfinden will und der Anwender sich ständig in neue Bedienroutinen hineindenken muss, entstehen ebenfalls Reibungsverluste.“
Professor Sträter ergänzend: „Wenn wir kognitive Probleme mit neuen digitalen Arbeitsmitteln haben, führt das auch zu psychischen Belastungen. Hier kann Normung sicher helfen, damit eben Gleiches Hersteller-unabhängig auch gleich funktioniert.“

In dem Gespräch ging es auch um Job-Ängste, die viele mit der fortschreiten Digitalisierung verbinden.

Dazu Professor Bengler: „Es gibt Ängste, neue Lösungen nicht beherrschen zu können und nicht produktiv zu sein. Bei manchen Berufsgruppen ist die Angst vor Jobverlust sehr ausgeprägt, weil zum Teil automatisiert wird. Zum anderen gibt es die Befürchtung, dass Fortbildungsmaßnahmen ungeeignet sind, um mit der Technologie wieder Schritt zu halten. Solchen Ängsten muss man mit geeigneten Weiterbildungen begegnen.“

Professor Sträter ergänzend: „Manche haben auch die Befürchtung, dass sie in der Digitalisierung zu Informatikern werden müssten. Das brauchen sie aber gar nicht! Sie können gut konstruierte Geräte intuitiv bedienen.“

Die Digitalisierung und der Weg in die Industrie 4.0 sind begleitet von einer wachsenden und engeren Mensch-Roboter-Interaktion. Diese stößt unter Mitarbeitenden auf Vorbehalte. Dazu erklärten die Wissenschaftler:

Professor Sträter: Heute findet Mensch-RoboterKollaboration zumeist wie folgt statt: Der Roboter wird ausgelegt — und der Mensch muss sich nach den Auslegungskriterien des Roboters verhalten. Und dann wird untersucht, ab wann eine Kollision mit dem Roboter beim Menschen Schmerzen verursacht. Ein arbeitswissenschaftlich fokussiertes Modell würde umgekehrt denken. Wir würden fragen, was der Mensch im Prozess macht und wie seine Bewegungsabläufe sind und den Roboter erst dann danach auslegen. (…) In der zwischenmenschlichen Interaktion hat jeder Mensch seine persönliche Distanzzone. Roboter ignorieren diese persönliche Größe und kommen Mitarbeitern zu nahe. Das empfinden diese als unangenehm. (…)“
Professor Schmauder: „Wir forschen derzeit daran, wie wir die Roboter über künstliche Intelligenz schlauer machen können, damit sie auch die Bewegungsrichtung von Menschen erkennen können.“

Roboter müssen „menschlicher“ werden , um mehr Akzeptanz zu finden.

Dazu Professor Sträter: „Wir haben dazu Untersuchungen durchgeführt. Diese haben gezeigt, dass sich kooperierende Roboter oft noch auf sehr technischen Bahnen bewegen. Das macht es Menschen schwer, sie einzuschätzen. Es wäre mit vergleichsweise einfachen Mitteln möglich, sie so zu konstruieren/programmieren, dass Menschen mit ihnen besser zurechtzukommen. (…) Mit etwas mehr Sorgfalt in der Gestaltung und neueren Technologien steckt gerade in der Mensch-Roboter-Kollaboration ein großes Potenzial, das wir aus demografischen Gründen auch heben müssen. Wir brauchen mehr maschinelle Unterstützung, die aber mit mehr Liebe zum Detail konstruiert sein muss.“
In voller Länge finden Sie das Interview hier zum Download: https://bit.ly/2OhtEDL