Lindner & Stowasser: Deutschlands digitale Zukunft

Interview mit Carsten Seim für das arbeitswissenschaftliche Fachmagazin Betriebspraxis & Arbeitsforschung

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Christian Lindner, Foto: Carsten Seim

Christian Lindner ist Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen und Bundesvorsitzender seiner Partei. Mit Professor Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa, und außerordentlicher Professor am Karlsruhe Institute of Technology, sprach er über Chancen und Risiken der Digitalisierung. Thema waren auch Veränderungsängste und Hindernisse zum Beispiel bei der Infrastruktur. Das Gespräch moderierte Carsten Seim. Das Gespräch ist in der Frühjahrsausgabe des arbeitswissenschaftlichen Fachmagazins Betriebspraxis & Arbeitsforschung erschienen. 

Herr Lindner, im Herbst 2016 haben in Frankfurt die Spitzen der hessischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaft getagt, um über den Weg in die Digitalisierung zu sprechen. Auch in NRW sondieren die Sozialpartner den Rahmen, in dem wir uns dabei bewegen können. Die Positionen liegen teilweise noch weit auseinander, aber man spricht immerhin miteinander. Wie bewerten Sie den Status quo?

Christian Lindner: Es ist ein wichtiger Standortfaktor Deutschlands, dass beide Seiten miteinander reden, Probleme angehen und diese auch lösen. Es ist auch gut, dass wir Betriebsfrieden haben. Die gegenwärtige Stärke Deutschlands hat nichts mit der aktuellen Regierung zu tun. Sie hat ein wenig mit der Agenda 2010, den Flexibilisierungen, Investitionen und Modernisierungen zu tun. Wesentlich stärker trägt dazu aber die in Deutschland zwischen den Sozialpartnern praktizierte Kultur bei, betriebliche Bündnisse für Arbeit zu knüpfen und auf der betrieblichen Ebene Lösungen zu entwickeln - und auch einmal eine Zeitlang Lohnzurückhaltung zu üben. Das macht unsere Stärke aus.

Professor Sascha Stowasser mit einem berührungssensitiven Roboter. Foto: Carsten Seim

Sascha Stowasser: Ergänzend ist zu erwähnen, dass wir nach der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 im internationalen Wettbewerb aus der Pole-Position heraus gestartet sind, weil wir in Deutschland Instrumente für die notwendige Flexibilität wie zum Beispiel Kurzarbeit und andere betriebsorganisatorischen Flexibilisierungsansätze haben, andererseits aber auch zahlreiche betriebliche Vereinbarungen gegeben hätte, bei denen sich Betriebsparteien auch darauf geeinigt haben, zeitweise auf Lohn zu verzichten. So konnten in Deutschland Massenentlassungen vermieden und mit eingefahrenen Belegschaften sofort wieder in die höhere Auslastung gehen. Darum werden wir in Deutschland beneidet.

Herr Lindner, Ihre Partei hat sich die Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, dass sie in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden kann?

Christian Lindner: Die Digitalisierung ändert alles - die Geschäftsmodelle und Technologien in Deutschland, die unseren Wohlstand tragen, sind mitunter 100 Jahre alt. Hier wird wenig bleiben wie es ist. In dieser Transformation sehe ich vor allem Chancen: Wir haben eine gute Ausgangsposition, unsere klassischen Stärken mit neuen Technologien zu verbinden. Die Digitalisierung bietet uns die Möglichkeit, über zusätzliche Produktivität auszugleichen, dass wir eine alternde Gesellschaft sind. Die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung ist jedoch eine flächendeckende Glasfaser-Infrastruktur und bessere Bedingungen an Schulen und Hochschulen.

 

Sascha Stowasser: Für mich besteht kein Zweifel, dass wir dringend an der flächendeckenden digitalen Infrastruktur arbeiten müssen. Das ist auch eine zentrale Forderung vieler Zukunfts-Workshops, die wir als ifaa mit Geschäftsführern von Unternehmen durchgeführt haben. Unternehmen können nicht in 4.0 einsteigen, wenn sie vom Datenstrom abgehängt sind.

Christian Lindner: Ich habe vorgeschlagen, die Deutsche Post AG zu privatisieren. Das könnte nach unseren Schätzungen rund acht Milliarden Euro bringen. Damit sollte man einen Investitionsfonds für den Glasfaserausbau einrichten, der insbesondere im ländlichen Raum noch viel zu langsam läuft. Außerdem muss das Arbeitsschutzrecht an die neue betriebliche Wirklichkeit angepasst werden - und an die Wünsche und Bedürfnisse der Beschäftigten. Zu Digitalisierung und Industrie 4.0 gehört ja auch wesentlich, dass die Produktion und jedes einzelne Werkstück individualisiert werden  können. Das erhöht die Flexibilitätsanforderungen in den Betrieben. Auf der anderen Seite: Der Einzelne hat vielleicht auch Wünsche, sein Leben selbstbestimmter zu führen als bisher.

Herr Professor Stowasser, welche Erkenntnisse hat die Arbeitswissenschaft in Bezug auf sich wandelnde Bedürfnisse Einzelner sowie betriebliche Notwendigkeiten an der Schwelle zu 4.0?

Sascha Stowasser: Die Menschen suchen schon immer Flexibilität und Stabilität. In einem anwendungsnahen Forschungsprojekt des ifaa diskutierten wir das, was sich zuerst einmal konträr liest, mit Beschäftigten und Führungskräften aller betrieblichen Ebenen. Jüngere Generationen - aber nicht nur diese - wünschen sich Flexibilität: einmal früher den Arbeitsplatz verlassen, weil ein privates Ereignis ansteht; einmal von zu Hause arbeiten, weil eine kreative Tätigkeit ohne Störung erforderlich ist und so weiter. Auf der anderen Seite steht die Stabilität: zu wissen, dass etwas zu tun ist, und was zu tun ist; mit bekannten Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren; das Unternehmen und dessen Werte.

Die notwendige und gewünschte Flexibilität für Unternehmen und Beschäftigte erfordert neue arbeits- und betriebsorganisatorische Konzepte. Und natürlich muss unser Arbeitsschutzrecht geöffnet werden, um den Bedürfnissen der digitalen Zukunft zu begegnen.

Christian Lindner: Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden, um mehr Flexibilität zu ermöglichen - doch leider geschieht zurzeit das Gegenteil. Mir schreiben viele IT-Freelancer, dass sie durch die im Herbst auf Betreiben von Frau Nahles beschlossene Neuregelung des Gesetzesrahmens für Werkverträge plötzlich zu Scheinselbstständigen werden. Viele dieser IT-Freiberufler wollen aber nicht in ein Normalarbeitsverhältnis gezwungen werden. Sie arbeiten zwar notwendigerweise einige Monate integriert in Unternehmensstrukturen, wollen aber frei sein und bleiben. Und nun kommt die Regierung und will sie in ein Arbeits-Korsett zwingen.

Sascha Stowasser: Eine weitere Schwierigkeit, die bei unseren bereits angesprochenen Zukunftsworkshops mit vorwiegend kleinen und mittleren Unternehmen auftrat: Man hat die IT-Kompetenz vielfach noch nicht und verfolgt den Weg hin zu 4.0 mit Befürchtungen. Man weiß nicht, wo die Reise hingeht und wie man sie bewältigen kann. Diese Sorgen, die von Geschäftsführung bis zum Betriebsrat reichen, müssen wir alle ernstnehmen, auch die Politik. Wir müssen akzeptieren, dass Digitalisierung Chancen und Risiken mitbringt. Aber wir müssen auf jeden Fall sehen, dass sie kommt, so oder so.

Christian Lindner: Beim Transformationsprozess zur Industrie 4.0 sowie zum Internet der Dinge haben wir zwei Drittel des Weges schon hinter uns. Hier waren die Deutschen leider nicht die treibende Kraft. Im letzten Drittel haben wir aber erneut die Chance, uns an die Spitze der Entwicklung zu setzen. Dazu brauchen wir aber mehr Tempo. Herr Stowasser, ich möchte Ihren auf die Politik bezogenen Faden gern aufnehmen. Politik kann vor allem zwei wesentliche Dinge tun, um diesen Prozess zu unterstützen:

Erstens brauchen wir mehr Investitionen von und in KMU. Der Staat darf diese nicht durch unklare steuerpolitische Rahmenbedingungen behindern oder verhindern oder sogar Geld abziehen. Ich meine zum Beispiel: Streichen wir die Subventionen für die Elektromobilität und führen lieber die degressive AfA wieder ein, um Investitionen anzuschieben.

Zweites kommt es auf Bildung an. Die IT-Kompetenz junger Menschen muss gestärkt werden. In wenigen Ländern findet IT im Unterricht so wenig statt wie in Deutschland - und zwar sowohl bezüglich der Methode als auch beim Inhalt. An den Schulen wird digitale Bildung massiv unterschätzt. Die Bundesregierung hat ein paar kleinere Initiativen ergriffen, etwas daran zu tun, damit wir von der Kreidezeit in die Gegenwart kommen. Doch derzeit sind das lediglich Bemühungen, das aufzuholen, was andere Länder bereits können. Wenn wir da sind, sind die aber auf ihrem Weg auch schon wieder ein Stück weitergegangen. Es ist unser deutsches Mondfahrtprojekt, weltbeste Bildung mit digitalen Mitteln zu schaffen.


 

ICILS-Studie - Deutschlands Schüler nur Mittelfeld bei IT-Kompetenzen

Die im November 2014 vorgestellte International Computer and Information Literacy-Studie (ICILS) hat in 19 Ländern die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der 8. Klasse auf dem Feld neuer virtueller Medien untersucht - und wie gut sie damit letztlich auf die Herausforderungen der Informationsgesellschaft vorbereitet sind. In Computer-basierten Tests mussten die Jugendlichen Aufgaben lösen, die Aufschluss über das Verständnis von Informationen aus dem Internet sowie Kompetenzen in der elektronischen Textverarbeitung, beim Erstellen von Präsentationen sowie Tabellenprogrammen geben. Darüber hinaus wurde zum Beispiel ermittelt, ob und wie Computer im Unterricht eingesetzt werden. Deutsche Schüler schnitten in diesem Vergleich nur mittelmäßig ab. Knapp ein Drittel verfügte demnach nur über „rudimentäre, vorwiegend rezeptive Fertigkeiten und sehr einfache Anwendungskompetenzen" (Kompetenzstufe I) beziehungsweise „Basale Wissensbestände und Fertigkeiten hinsichtlich der Identifikation von Informationen und der Bearbeitung von Dokumenten". Nur knapp 27 Prozent erreichten die höchsten Kompetenz-Niveaus der Stufen IV und V: Sie waren also in der Lage, Informationen eigenständig zu ermitteln und zu organisieren, Dokumente und Informationsprodukte selbstständig zu erzeugen beziehungsweise sicher zur organisieren und zu bewerten. Die Professoren Birgit Eickelmann (Universität Paderborn) und Wilfried Bos (TU Dortmund) leiten den deutschen Teil der Studie. Die ZEIT zitiert Eickelmann mit dem Satz: „Die Skepsis gegenüber Computern ist in unseren Lehrerzimmer doch weit verbreitet." Quelle: http://bit.ly/11jJWhj

 

Land

Kompetenzstufen*

 

IV und V

I und II

Republik Korea

41,4 %

28 %

Kanada (Ontario)

40,9 %

21,5 %

Tschechien

40,3 %

15,1 %

Australien

38,6 %

23,2 %

Niederlande

36,7 %

26,4 %

Polen

36,2 %

25,4 %

Dänemark

35,2 %

21,4 %

Norwegen

32,8 %

24,1 %

Kanada (N. & L.*)

32,5 %

30,9 %

Slowakei

29,4 %

32,8 %

Schnitt EU

29,2 %

29,7 %

Schnitt OECD

28,9 %

33 %

Hongkong

28,4 %

37,7 %

Schweiz

27 %

29,8 %

Deutschland

26,9 %

29,2 %

Russland

25,1 %

36 %

Kroatien

23,8 %

35,9 %

Litauen

17,1 %

45,1 %

Slowenien

17 %

35,9 %

Chile

13,9 %

47 %

Argentinien (B.A.**)

8 %

64,8 %

Thailand

1,7 %

87,9 %

Türkei

1,1 %

90,6 %


Daten ICILS-Studie 2013, eigene Zusammenstellung; * Neufundland und Labrador, ** Buenos Aires,

 

Sascha Stowasser: Ich frage mich, wie man über alle Bundesländer hinweg einen digitalen Turnaround erreichen kann. Unsere Berufsschulen gleichen vielfach Industriemuseen. Da stehen alte Dreh- und Zerspanungsmaschinen aus den 60er- und 70er-Jahren. Die tun ihre Arbeit noch einwandfrei. Doch in modernen M+E-Unternehmen halten 3D-Drucker Einzug. Und die müssen von den jungen Menschen, die an diesen Berufsschulen den theoretischen Teil ihrer Dualen Ausbildung absolvieren, in Zukunft programmiert werden. Wenn man mit Uhrenmechanikern aus der Schweiz redet, sagen diese sinngemäß: „Jetzt montieren wir die Uhren noch. Aber in 20 Jahren wird es unseren Beruf in dieser Breite nur noch in Enklaven geben, weil analoge, mechanische Uhren dann das teure neue Bio sind." Auch hier wird der 3D-Druck viele Veränderungen bringen, und statt Uhrenmechanikern werden wir auch hier Programmierer haben. Aus all dem folgt: Wir brauchen in unseren Berufsschulen schnellstens massive Investitionen.

Christian Lindner: Sie sprechen hier einen Sektor in der Bildung an, der über lange Jahre vernachlässigt worden ist. Wir müssen die Berufsschulen dringend stärken.

Sascha Stowasser: ... Eine Möglichkeit wäre hier, vernetzt zu arbeiten. Kleinere Mittelständler könnten ihre Auszubildenden beispielsweise in moderne Lehrwerkstätten größerer Unternehmen entsenden.

Christian Lindner: Das halte ich für eine interessante Option. Schließlich haben ja alle - kleinere und größere - Unternehmen ein Interesse daran, gut ausgebildete Fachkräfte zu haben. Ich meine darüber hinaus, dass die Duale Ausbildung im Verhältnis zu akademischen Bildungsgängen deutlich mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftlichen Rückhalt verdient. So haben wir den universitären Informatiker und den dual ausgebildeten Fachinformatiker. Hier bieten sich für junge Menschen möglicherweise interessantere Perspektiven, als wenn sie „irgendwas mit Medien" studieren.

Nicht nur Bildungssysteme stehen im Wettbewerb miteinander, auch internationale Wirtschaftsstrukturen tun es. Wolf Matthias Mang, Aufsichtsratsvorsitzender der Oechsler AG und Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes HESSENMETALL, hat im Interview mit diesem Blatt vor dem Risiko gewarnt, dass Big-Data-Konzerne aus den USA das „Gehirn" unserer Produktion übernehmen könnten. Wie beurteilen Sie die Lage, Herr Lindner?

Christian Lindner: Hier sind Europa und Deutschland gefordert, im Plattform-Kapitalismus für faire Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen zu sorgen. Verhindert werden muss, dass Konzerne wie zum Beispiel Google oder Apple ihre Monopol-Positionen in unfairer Weise ausnutzen. Das ist eine Aufgabe der Kartellbehörden - auch sie müssen auf die Höhe der Zeit kommen. Wir brauchen hier keinen generell neuen Rechtsrahmen, um unsere Wirtschaft zu schützen, sondern eine Stärkung unserer Behörden, damit sie den Rahmen beispielsweise beim Kartellrecht auch durchsetzen können. Ich teile die Befürchtungen zudem nicht in diesem Ausmaß, da die entsprechenden Datenverarbeitungsplattformen im B2B-Bereich ja gerade erst entstehen. Wir haben in Deutschland die Chance und auch die Mittel, unsere Plattform oder das Gehirnselbst zu bauen, insbesondere im B2B-Bereich. Unsere deutsche IT ist hier viel besser als ihr Ruf. Was die Prozesse angeht, sind wir die Weltbesten. Aber wir müssen an Tempo zulegen, für die Heranbildung von Fachkräften müssen wir mehr tun, rechtliche Rahmenbedingungen müssen stimmen, Flexibilität muss hergestellt und digitale Infrastruktur ausgebaut werden.

Sascha Stowasser: In diesem Kontext ist auch anzumerken, dass das Projekt Google Car im Dezember 2016 auf Eis gelegt worden ist. Stattdessen solle es verstärkt um Kooperationen von Google mit „klassischen" Autoherstellern gehen.

Christian Lindner: Auch daran sieht man: So einfach ist das nicht, eine unserer Schlüsselindustrien zu übernehmen.

Sascha Stowasser: Dennoch müssen wir auf dem Weg in die digitale Zukunft auf die Beschleunigungsspur. Geschäftsmodellerweiterung ist das Gebot der Stunde. Wenige Beispiele möchte ich erwähnen: Unternehmen wie BMW denken intensiv über digitale Mobilitätskonzepte nach, alle anderen Automobilunternehmen tun dies auch oder sind auf dem Weg dahin. Auch Bosch Rexroth, wo ich selbst beruflich einmal aktiv war, arbeitet intensiv am Wandel weg vom klassischen Maschinenbauer hin zur Robotik und zu digitalen Steuerungsmechanismen. Dasselbe gilt für Trumpf und viele andere deutsche Unternehmen.

Kann man in diesen Prozess, von dem noch niemand genau weiß, wo er genau hinführt, bereits jetzt Leitplanken einziehen wollen, wie es im Grün- beziehungsweise Weißbuch-prozess versucht wird?

Christian Lindner: Ich glaube nicht. Ich vermute, dass beispielsweise der Wunsch vieler Menschen nach mehr Selbstbestimmung nach wie vor unterschätzt wird.

Sascha Stowasser: Das Weißbuch ist ... so wie es ist. In manchen Aspekten werden Negativszenarien aufgebaut - zum Beispiel was das Thema „Psychische Belastungen" angeht. Digitalisierung wird per se mit Begriffen wie „Burn out" konnotiert. Daraus resultiert - wie gewöhnlich von Gewerkschaftsseite vorgetragen -die Forderung nach einer Antistressverordnung.

Christian Lindner: Gut, dass Sie das als Fachmann sagen. Wenn Sie sagen, dass hier noch keine Inhalte vorliegen, die die Bedürfnisse der Menschen zeitgemäß abbilden, dann unterstütze ich das. Arbeit 4.0 bedeutet ja auch, dass sich in den Betrieben fundamental etwas verändert, was Hierarchien und Führung angeht. Der selbstbestimmte Mitarbeiter möchte gern Sinn erleben in dem, was er tut. Insofern ist die Führungskraft auch Dienstleister gegenüber den geführten Mitarbeitern: Anleitung, Motivation, Qualifikation, Supervision gehören zum Dienstleistungs-Portfolio einer Führungskraft der Zukunft. Führung wird in Zukunft stärker denn je auf Augenhöhe stattfinden. Im Verhältnis „Bürger und Staat" haben wir das aber noch nicht! Hier gilt noch Gesetzesbefehl und Gehorsam. Der Staat hält den Menschen für schwach und verführbar. Als Liberaler frage ich: Warum nehmen wir die Menschen nicht, wie sie sind: vernünftig, selbstbewusst, erwachsen?

Sascha Stowasser: Ein Beispiel ist das Arbeitszeitgesetz. Die Elf-Stunden-Ruhepause darin stammt noch aus preußischen Zeiten. Darin liegt derzeit augenscheinlich eine der größten Herausforderungen im Dialog zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Als Arbeitswissenschaftler haben wir keinen wissenschaftlich belegbaren Grund für 11 Stunden entdecken können. Es gibt sicher einzelne Berufsgruppen, wo die notwendigen Erholungszeiten möglicherweise noch länger sein müssen - zum Beispiel bei Fluglotsen. Bei anderen Berufsgruppen reicht zeitweise auch weniger Erholungszeit. Hier muss die arbeitswissenschaftliche Forschung vertieft einsteigen.

Brauchen wir mehr Freiräume für betriebliche Vereinbarungen?

Sascha Stowasser: Wir brauchen sie nicht. Ausgenommen vielleicht in besonders sicherheitssensitiven Branchen.

Christian Lindner: Wir brauchen vor allem keine starre Elf-Stunden-Regelung. Die europäische Regelung dazu reicht hier völlig aus.

Brauchen wir denn eine Antistress-Verordnung in Deutschland?

Sascha Stowasser: Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht brauchen wir sie nicht. Wir brauchen untergeordnete Spielregeln - zum Beispiel für das Tragen von Datenbrillen. Die Belastungen durch sie sind noch nicht umfassend erforscht. Das Arbeitsschutzgesetz gibt dem Arbeitgeber ja bereits vor, auch mit Blick auf psychische Belastungen Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Zudem gibt es Checklisten der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie, GDA. Was soll darüber hinaus noch in einer Antistressverordnung stehen?  

Herr Lindner, wie begegnen Sie Befürchtungen, dass uns durch die Digitalisierung die Arbeit ausgehe?

Christian Lindner: Die Befürchtung, dass Disruptionen massive Arbeitsplatzverluste bringen, gab es immer. Tatsächlich hat sich Arbeit dadurch in erster Linie verändert, statt verlorenzugehen. Als das Auto aufkam, fragte man sich: „Und was ist jetzt mit den Fuhrleuten und Stallburschen?" Die Fahrzeugindustrie brachte eine ganz neue Wertschöpfungswelt und viele neue Arbeitsplätze, nicht nur in der Produktion, sondern zum Beispiel auch in den Werkstätten. Damals hat sich der Qualifikationsanteil der Arbeit durchgreifend verändert. Das wird auch auf dem Weg zu 4.0 der Fall sein. Und wir stehen schon mitten in diesem Wandel drin. In den 60er-Jahren hat beispielsweise die Arzthelferin mit Bleistift in die Patientenakte eingetragen, was Ärztin oder Arzt diktiert haben. Heute steht sie selbstbewusst und qualifiziert mit guter Ausbildung neben teurer technischer Ausstattung und erledigt ihre Aufgaben zum Beispiel bei einem Kernspintomografen weitgehend selbstständig.

Außerdem wird unsere Bevölkerung weiter schrumpfen. Jeder Einzelne wird einen höheren Wertschöpfungsanteil erbringen müssen, damit wir unseren Wohlstand erhalten und ausbauen können. Die Digitalisierung bietet uns dazu die Chance, das auch zu erreichen.

Sascha Stowasser: Auch aus arbeitswissenschaftlicher Sicht ist das unser Wirtschaftsparadigma Nummer 1: Wir müssen produktiver werden, und das mit im Schnitt älteren Belegschaften. Robotik ist ein wichtiger Schlüssel dazu.

Christian Lindner: Eine Frage an den Ingenieurwissenschaftler: Werden Roboter zu unseren Lebzeiten in der Pflege eingesetzt werden?

Sascha Stowasser: In spätestens 20 bis 30 Jahren werden Roboter ganz selbstverständlich und sehr umfassend zum Pflegealltag gehören. Wir werden sie sehr umfassend auch beim medizinischen Operieren erleben. In den USA gehen Roboter in Pilotprojekten bereits ganz autonom durch die Stationen. Auch mechanische Unterstützung des Menschen in der Pflege ebenso wie in der Produktion werden Roboter leisten.

Also wird Arbeit im Zuge von 4.0 auch leichter? 

Sascha Stowasser: Und wir brauchen den Produktivitätsschub durch Roboter der Pflege, weil wir die rapide wachsenden Aufgaben sonst gar nicht mehr bewältigen können.

Deutschland 2025 - worin liegt aus Ihrer Sicht das größte Risiko der Digitalisierung?

Christian Lindner: Ich habe nur eine Befürchtung - dass die Digitalisierung ohne uns stattfindet. Das betrifft auch die Hauptstadt Berlins, die ja die Startup-Metropole Deutschlands ist. Die Verwaltung unserer Hauptstadt hat es sich aber zum Ziel gesetzt, die elektronische Aktenführung erst bis zum Jahr 2031 zu realisieren. Ein weiteres Negativbeispiel: Die Landesregierung Nordrhein-Westfalens will erst im Jahr 2026 eine flächendeckende Breitbandversorgung gewährleisten. Das dauert alles zu lang.

Sascha Stowasser: Wir befragten in einer ifaa-Umfrage zur Industrie 4.0 knapp 500 Unternehmen der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Immerhin fast die Hälfte der Befragten hat keinerlei Befürchtungen vor der Digitalisierung. Die andere Hälfte bekundet, dass sie darin ernstzunehmende Herausforderungen sieht.

Befürchtungen betreffen demnach vor allem die Qualifikation und Einbindung von Mitarbeitern, den Entfall einfacher Arbeit, die Abhängigkeit von technischen Systemen sowie die Daten- und Investitionssicherheit. Damit wurden Themen genannt, die auch ohne die derzeitige Digitalisierung sowie bei zurückliegenden Paradigmenwechseln in der Produktion diskutiert wurden.

Und die Chancen der Digitalisierung?

Christian Lindner: Wenn wir das alles machen, was wir in diesem Gespräch thematisiert haben, wird das großartig! Ich kann es kaum erwarten zu sehen, welche neuen Geschäftsfelder entstehen werden. Ich bin ein Freund des Autos und fahre damit in meiner Freizeit gern durchs Bergische Land. Unter der Woche würde ich mir aber wünschen, dass mehr Menschen - durch digitale Technologie unterstützt -  autonom fahren können, um in einem optimierten Verkehrsfluss schneller zum Ziel zu kommen. Sie könnten sich in dieser Zeit entspannen oder arbeiten, statt ständig auf die Bremslichter ihres Vordermanns achten zu müssen und im Stau zu stehen.

Sascha Stowasser: Die 500 Unternehmen der bereits erwähnten ifaa-Studie erhoffen durch die Digitalisierung eine verbesserte Transparenz sowie höhere Flexibilität und Produktivität. Sie geben damit zwei wesentliche Voraussetzungen für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Produktionsstandort an. Denn nur transparente Prozesse sind einer kontinuierlichen Verbesserung zugänglich und Flexibilität in Hinblick auf die Erfüllung von Kundenwünschen trägt wesentlich dazu bei, die an einem Hochlohnstandort erforderlichen Margen zu erzielen.

Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass die Digitalisierung unumgänglich zur Beherrschung der Komplexität moderner Wirtschaftsgefüge ist. Die Kunden wünschen individuell angepasste Produkte - schnellstmöglich geliefert. Die Beschäftigten werden durch alternsgerechte, möglichst individuell adaptive Arbeitsplätze unterstützt. Dies alles erhöht die Freiheitsgrade und damit die Komplexität immens.

Digitalisierung und Globalisierung sind untrennbar: Als Menetekel haben viele gesehen, dass die Chinesen die deutsche Know-how-Hochburg KUKA Robotics gekauft haben. Wie beurteilen Sie das?

Christian Lindner: Die Globalisierung war in der Vergangenheit bereits der größte Treiber für Wohlstand und sozialen Aufstieg. Hunderte Millionen Menschen weltweit sind dadurch in die Mittelschicht aufgestiegen. Außerdem: Wer wie Deutschland Autos auf dem chinesischen Binnenmarkt verkauft - übrigens bald der größte Binnenmarkt der Welt -, der muss auch zulassen, dass sich die Chinesen bei uns beteiligen. Viele Unternehmen hier haben überhaupt erst durch langfristig orientierte chinesische Kapitalanleger die Chance bekommen, sich neu aufzustellen und dauerhaft zukunftsfähig zu sein. Wir müssen auf zwei Dinge achten: Erstens dürfen wir den deutschen Mittelstand nicht durch falsche politische Entscheidungen so schwächen, sodass er den chinesischen Staatsfonds gleichsam auf dem Präsentierteller angeboten wird. Und wir dürfen zweitens in Deutschland nicht á la Trump die Mauern hochziehen, weil wir dadurch unser exportorientiertes Wirtschaftsmodell schwächen.

Sascha Stowasser: Ich bin zwar kein Ökonom. Doch es ist völlig klar, dass wir Freihandel brauchen, wenn wir als Exportnation weltweit ganz vorne bleiben wollen.

Aufzeichnung und Moderation: Carsten Seim